Leseprobe
~Fantasie, Drama, Humor~
Triggerwarnung!
Die Welt eines Straßenkaters ist düster, geprägt von Kämpfen, die ich oft nicht gewinnen kann. Wölfe lauern hier an jeder Ecke, und als Omega unter ihnen bin ich für sie nichts weiter als ein Snack für ein bisschen Lebenszeit. Wenn du dich dazu entscheidest, in meinen Pfoten zu laufen und mein Leben kennenzulernen, dann wirst du Mut und starke Nerven brauchen, denn diese Mistkerle können nur der Hölle entsprungen sein, und genauso benehmen sie sich auch. Was ich hier schildern werde, ist die ungeschönte Wahrheit meiner Welt, und wie ich sie erleben muss. Noch dazu bin ich ein schwarzer Kater und könnte deinen Weg von links nach rechts kreuzen. Großes Unglück wäre dann die Folge. Sollte ich dir allerdings von rechts nach links in die Quere kommen, wer weiß, vielleicht findest du dann zwischen all diesen Zeilen auch glückliche Momente, in denen du herzhaft lachen kannst.
gez. Loki Nightwish
1. Kapitel
~Katzenjammer~
Wie er es hasst, wenn sein Vater nach ihm verlangt. Meistens kommt nichts Gutes dabei heraus, das Oberhaupt des Rudels zu treffen.
Fenris folgt den Fluren der alten Villa und nimmt dabei immer nur die schwarzen Bodenplatten, die in einer Linie den Weg markieren und von weißen Quadraten eingerahmt werden. Eine Marotte, die er genauso wenig ablegen kann, wie das Zählen bei jedem seiner Schritte. Es sind zweiundvierzig schwarze Quadrate bis zur Tür, die aus einem einzigen Stamm Nussbaum geschnitzt wurde. Sie ist schon von weitem zu sehen und nimmt die ganze Wand ein, die das Ende des Flures markiert. Etliche geschnitzte Wolfsköpfe sind darin verewigt, alles ehemalige Oberhäupter des Clans. Der Wolf, dem das linke Ohr fehlt, das ist sein Vater. Er brüstet sich noch heute damit, es in einem Kampf gegen ein feindliches Rudel verloren zu haben. Eine glatte Lüge! Dass er es sich als junger Bursche beim Klippenspringen an einem Felsen abgerissen hat, ist ihm auch heute noch peinlich. Die Wahrheit klingt eben nicht halb so heroisch, wie es im Zweikampf auf Leben und Tod eingebüßt zu haben.
Fenris zählt die letzten zwei schwarzen Steinplatten ab, dann steht er vor der großen Tür und legt seine rechte Hand auf die Klinke. Wie immer, wenn er das tut, sieht er sich einem freien Platz im Holz gegenüber. Dort, wo einmal eine Schnitzerei von ihm angebracht werden wird, ist nur blankpoliertes Holz. Lediglich sein Wappen wurde als Platzhalter aufgemalt. Eine Wolfskralle, umgeben von züngelndem Feuer, darin eingebettet die römische Zahl VII. Er wird einmal der siebente Alpha seines Clans sein, zumindest wenn er es je über sich bringt, einen anderen Gestaltenwandler in sein Leben zu lassen. Fenris schüttelt sich diesen absurden Gedanken aus dem Kopf. Schon lange hat er für sich entschieden, genau das nicht tun zu wollen. Er ist doch nicht bescheuert!
Fenris drückt die Klinke und lehnt sich gegen die Tür, dabei schmerzen die Muskeln und Gelenke in seinen Armen. Seit gut einer Woche hat er damit schon zu kämpfen, doch was das bedeutet, blendet er auch dieses Mal aus und tritt stattdessen in den großen Raum ein.
Ebenso schmuckvoll verziert wie die Tür sind hier auch alle Möbel. Sie sind mit menschlichen und wölfischen Körpern in unterschiedlichen aufreizenden Posen verziert. Es wird nur allzu deutlich, womit ihr Clan sein Geld verdient. Der Handel mit Omegas hat schon ihre Großeltern reich gemacht, und er sichert auch ihnen ihr Überleben und ihren Wohlstand.
Rechts an der Wand stehen zwei Kommoden, auf welche Blumenvasen und Kerzenständer aufgestellt worden. Dem gegenüber befindet sich ein großes Fenster, das von etlichen Streben in viele kleine Segmente geteilt wird. Es lässt genug Licht herein, dass keine Deckenbeleuchtung nötig ist. Die purpurroten Vorhänge sind heute an die Seite gezogen und nicht wie üblich vor dem Fenster. Also wird Fenris seinen Vater heute wohl nicht in einer Orgie vorfinden. Das ist schon mal erfreulich, aber es macht ihm auch deutlich, dass dieses Gespräch ernster Natur sein wird.
Als Fenris sich nach seinem Vater umsieht, kann er den alten Herrn auf dem Sofa links neben dem gigantischen Schreibtisch finden. Er trägt heute seinen schwarzen Stoffanzug mit den silbernen Stickereien und die graue Krawatte, die Mutter so gern an ihm sieht.
Die Beine hat er übereinandergeschlagen, die langen, grauen Haare akkurat nach hinten gekämmt. In seinem Schoß liegt eine Blondine. Sie trägt nicht mehr als einen seidigen Stoff, der lediglich ihren Intimbereich verhüllt. Sie dürfte nicht älter als 20 sein und hat sicher kein wirkliches Interesse an dem 55-jährigen Alpharüden, dennoch schmiegt sie sich verführerisch an ihn. Verdammte Hormone! Wie einem das gefallen kann, ist Fenris noch immer ein Rätsel. Die liegt seinem Vater doch nicht im Schritt, weil er so ein toller Hengst im Bett ist, doch darüber zu diskutieren hat Fenris aufgegeben.
„Hier bin ich, Vater! Was gibt es denn so Dringendes, dass ich die erste Stunde an der Uni ausfallen lassen musste?“, will Fenris wissen und geht weiter bis zum Schreibtisch. So wie er seinen Vater kennt, wird das hier sicher länger dauern, also lehnt er sich mit den Oberschenkeln gegen die Tischplatte und verschränkt die Arme abwartend vor der Brust.
Clements sieht ihn nicht mal an. Sein Blick ist auf die Blondine gerichtet, der er über den Kopf streichelt.
Während sie genießende Brummlaute von sich gibt, wandelt sich ihre seidig glatte Haut allmählich in schneeweißes Fell. Arme und Beine werden zu den Gliedmaßen einer Wölfin, der Kopf bekommt eine längliche Form und die menschlichen Ohren werden immer spitzer, bis sie schließlich ebenso mit Fell bedeckt sind.
Großartig! Das Omegaweibchen ist läufig. Ob sie wohl deswegen hier ist? Nachwuchs für die Zucht? Als wenn sie nicht schon genug Welpen hier herumspringen hätten. Das Gebell bei Vollmond ist nicht zum Aushalten! Vielleicht sollte Fenris doch ausziehen. Allein zu leben ohne das nervige Rudel klingt wirklich verlockend. Blöd nur, dass er als Alpha ohne Rudelmitglieder nirgendwo eine Wohnung mieten kann.
Langsam wandert der Blick des Vaters an Fenris hinauf, von den Beinen über den Bauch zum Brustkorb, weiter über seine Kehle nach oben, bis er ihm schließlich in die Augen sehen kann. Das unnatürlich grelle Blau in ihnen ist ein deutliches Zeichen seines Alphastatus. Auch Fenris hat diese Augenfarbe geerbt.
Eine Haarsträhne seines Vaters fällt von dessen rechtem Ohr und entblößt dabei eine entstellende Narbe. Nur noch ein Loch ist dort zu sehen, wo eigentlich die Ohrmuschel sitzen müsste. Clements bemerkt es sofort. In einer eingefleischten Handbewegung legt er seine Haare wieder über diese Stelle.
Der eitle Gockel! Fenris schmunzelt in sich hinein.
„Du trägst noch immer lediglich deinen eigenen Geruch an dir!“, beginnt sein Vater zu sprechen.
Die Worte Clements bringen Fenris dazu, an seinem Oberarm zu riechen. Tatsächlich kann er nur seinen eigenen Duft und den seines Aftershaves wahrnehmen. Von dem Rüden, mit dem er sich die Nacht vertrieben hat, ist nichts mehr übrig. Der war eben nur eine flüchtige Bekanntschaft, nichts was anhaften würde. Doch dass sein Vater ausgerechnet damit anfängt, lässt Fenris ahnen, worauf das hier hinauslaufen wird.
Prüfend betrachtet Clements ihn, fast so, als wolle er eine Reaktion in seinem Sohn auslösen.
So sieht sich Fenris genötigt etwas zu erwidern. „Unsere Abmachung lautete, keine Prägung solange ich studiere!“, erinnert er seinen Vater.
„So viel Zeit hast du aber nicht mehr. Du bist bereits 25 Jahre alt!“ Einen Moment lässt Clements seine Worte wirken.
Tatsächlich ist Fenris deutlich über dem Alter, das für die erste Prägung normal wäre. Für gewöhnlich sucht sich ein Alpha bereits in der Pubertät sein erstes Rudelmitglied. Doch Fenris hat sich nun mal für einen anderen Weg entschieden.
„So langsam bekomme ich das Gefühl, du lässt dir absichtlich Zeit mit deiner Ausbildung, um auf diesem Wege unserer Abmachung zu entgehen. Erst brichst du dein Jurastudium ab, um Geschichte zu studieren, und jetzt, wo die ersten ernstzunehmenden Prüfungen beginnen, schwenkst du um auf Mathematik? Willst du mich eigentlich für dumm verkaufen?“
Fenris rollt mit den Augen und sieht zur Seite weg. Beim ersten Studium wusste er noch nicht mal, was er mit dem Rest seines vermutlich kurzen Lebens anfangen will. Da hat er sich eben vertan. Beim zweiten Studiengang hätte er nicht mal im Ansatz erwartet, dass Unterricht so trocken und langweilig sein kann, doch was er inzwischen macht, bereitet ihm tatsächlich Freude. Dass er dafür noch mal 11 bis 13 Semester Studium vor sich hat, ist ein positiver Nebeneffekt gewesen. So kann sich Fenris ein zufriedenes Lächeln nicht verkneifen. Das war schon ein geschickter Schachzug, auch wenn ihm sein Vater nun scheinbar auf die Schliche gekommen ist.
„Grins nicht so blöd!“, tadelt Clements, „Das hilft dir alles nichts. Ich bin jetzt lange genug geduldig mit dir gewesen. Bis Ende des Jahres wirst du dich zumindest auf einen Omega prägen! Wenn nicht, sperre ich dich mit einem ganzen Rudel läufiger Rüden und Fähen in dein Zimmer ein. Mal sehen, wie lange du deiner Natur dann noch widerstehen kannst!“
„Was?“, entfährt es Fenris. In nicht mal vier Monaten soll er einen Gefährten finden? Allein das ist schon ein Ding der Unmöglichkeit, doch auch die Alternative ist undenkbar für Fenris. In ein Zimmer mit einem Haufen williger Omegas gesteckt werden? Ist sein alter Herr verrückt geworden? Die laufen ihm doch jetzt schon hinterher, als wäre er in eine Badewanne voller Moschus gefallen. Dabei duscht er jeden Tag eine ganze Stunde, um den Geruch seines Hormonhaushaltes loszuwerden. Wenn sein Vater diese Drohung wirklich wahr macht, wird Fenris seiner eigenen triebgesteuerten Natur nicht mehr entgehen können.
„Du hast mich schon verstanden! Ich bin es leid, deinem Verfall zuzusehen. Es wird Zeit, dass du ein Rudel gründest und anfängst, auf eigenen Beinen zu stehen“, spricht sein Vater energisch.
Nun kann auch Fenris nicht mehr leise sein. Während er mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger aus dem Fenster deutet, schreit er: „Das da, das wünschst du mir wirklich?“ Aufgebracht sieht er in den Garten des Anwesens. Drei graue Wölfe balgen sich dort im hohen Gras. Der Schmächtigste von ihnen wird so auseinandergenommen, dass büschelweise sein Fell fliegt. Schließlich wird der Rüde von einem der anderen Beiden im Nacken gepackt und zu Boden gedrückt. Ein lautes Quietschen ertönt, als der Stärkere sich über den Rücken des Schwächeren legt und in dessen Hintern eindringt. Im Moment der Vereinigung werden beide Wölfe wieder zu Menschen. Was sie aber nicht abhält, ihrem Tun weiter nachzugehen. Auch der Dritte im Bunde hat seine menschliche Gestalt zurückerlangt und nutzt die wehrlose Haltung des Omegas aus, um sich in dessen Mund Befriedigung zu verschaffen.
Als Fenris zu seinem Vater zurücksieht, hat dieser das Gesicht verzogen, als wenn er starke Schmerzen hätte. Seine Hände ballt er zu Fäusten, während er die Finger in die Polster des Sofas gräbt.
„Du kannst spüren, was deine Omegas fühlen, und hören, was sie denken, ebenso wie bei deinen Betas. Glaubst du wirklich, ich will das?“, fragt Fenris aufgebracht.
Sein Vater atmet angespannt aus. Auf seine Frage gibt er keine Antwort, dafür erhebt er sich und hält auf ihn zu. Am Schreibtisch biegt er ab und umrundet diesen, dann öffnet er das Fenster. „Wie oft muss ich euch noch sagen, dass ihr Gleitgel benutzen sollt, wenn ihr ihn nehmt!“, brüllt er hinunter.
Die zwei Betas lassen von ihrem Opfer ab, woraufhin sich sein Vater deutlich entspannt.
War ja klar, dass der Schmerz alles ist, was Clements verhindert. Wie sich Rico gerade mental gefühlt hat, spielt für ihn keine Rolle, obwohl er das ebenso spüren kann. Ständig mit den Gefühlen seines Rudels konfrontiert zu sein, hat ihn abstumpfen lassen.
Noch etwas, das sich Fenris nicht für sein Leben wünscht. „Wie kannst du wollen, dass es mir genauso geht wie dir?“, verlangt er zu wissen.
Die Haltung seines Vaters sinkt in sich zusammen. Langsam schließt er das Fenster und betrachtet seinen Sohn mitleidig. Das erste Mal überhaupt scheint er Fenris Entscheidung, Single bleiben zu wollen, verstehen zu können.
Er kommt um den Schreibtisch herum und legt ihm seine Hand auf die rechte Schulter. „Mein Junge, du kannst versuchen, davor davonzulaufen, doch du wirst unserer Natur nicht entkommen können. Keiner von uns Alphas kann das. Das ist nun mal Segen und Fluch unseres Daseins, und je später du damit anfängst, umso schwerer wirst du es haben, damit umzugehen. Ich dränge dich doch nur, weil ich dich nicht verlieren will.“ Clements hebt seine Hand von Fenris’ Schulter und greift stattdessen seinen Arm. Er öffnet den Knopf am Handgelenk seines Sohnes und schiebt den Stoff des Hemdes zurück, dann fährt er über die grauen Haare des Unterarmes. Ein paar Pigmentflecken sind unter ihnen zu erkennen. Neben den Schmerzen seiner Muskeln und Gelenke sind es die ersten Anzeichen, dass Fenris bereits zu altern beginnt. „Das hier wird nicht aufhören, wenn du nicht zu einer Vereinigung kommst, auf die du dich wahrhaftig einlässt. Willst du wirklich nicht älter als 30 werden?“, fragt Clements. Seine Stimme ist von Sorge getränkt, und auch in seinem Blick spiegelt sie sich.
Fenris seufzt tief und betrachtet das jugendliche Gesicht seines Vaters. Wo zuvor noch graue Haare waren, sind nun wieder dunkle, volle Strähnen zu sehen. Er muss kurz vor Fenris’ Eintreffen mit der Omegawölfin auf dem Sofa geschlafen haben. Es dauert immerhin einige Minuten, bis die verjüngende Wirkung einsetzt. Er wäre längst gestorben, hätte er sich nicht auf seine Omegas und Betas eingelassen. Doch so kann er, wenn er nicht durch eine Verletzung getötet wird, theoretisch 500 Jahre oder älter werden. Soweit Fenris in seinem Geschichtsstudium gelernt hat, ist das älteste Individuum ihrer Spezies 520 Jahre alt geworden, bevor es bei einem Erdbeben verschüttet wurde und unter den Trümmern erstickt ist.
Fenris zieht seinen Arm aus dem Griff des Vaters zurück und bekleidet ihn wieder. „Lieber sterbe ich jung, als mit dieser Folter alt zu werden!“, knurrt Fenris und wendet sich von seinem Vater ab. „Du kannst mich nicht dazu zwingen!“, fügt er an, während er auf die Tür zuhält.
Clements seufzt hörbar. „Das muss ich gar nicht. Früher oder später wird es dir einfach passieren“, ruft sein Vater ihm nach, „Also wähle lieber selbst, bevor der Zufall entscheidet und du an jemanden gerätst, den du nicht haben kannst!“
Fenris knurrt in sich hinein. Diese Vorstellung ist wirklich gruselig. Wenn seine Hormone doch irgendwann die Oberhand gewinnen, dann kann es reichen, jemanden einfach nur anzusehen und attraktiv zu finden, um sich auf ihn zu prägen. Zum Glück muss er, um diese Verbindung zu vollenden, noch am selben Tag mit der Person schlafen, sonst wäre es ihm sicher längst passiert. Bisher hat es also gereicht, wenn er sich verliebt, sich einfach 24 Stunden vom Objekt seiner Begierde fernzuhalten. Wenn er bis dahin seine Gefühlswelt wieder im Griff hatte, war alles gut. Dann verschwand auch das tattoogleiche Symbol von seiner Haut. „Seit ich geschlechtsreif bin, konnte ich dem Mist entgehen. Das schaffe ich auch weiterhin!“, verkündet Fenris zornig. Daran muss er einfach glauben!
Den ganzen Weg zur Uni beschäftigt Fenris dieses Thema noch. Ob es ihm wirklich aus Versehen passieren kann? Was, wenn er gar nicht merkt, dass er sich geprägt hat, oder das Tattoo mal an einer Stelle erscheint, die er nicht sofort sieht? Die 24 Stunden, bis der Mist abklingt, der Gefühls- und Gedankenwelt eines anderen ausgesetzt zu sein, sind einfach Horror. Auch wenn es hauptsächlich das war, was im Entferntesten mit ihm zu tun hatte, war es immer wieder abartig, was sich so mancher vorgestellt hat, was er mit ihm tun soll. Am schlimmsten war noch der Kerl, der unbedingt angepinkelt und auf diese Weise zusätzlich markiert werden wollte.
Fenris schüttelt sich diesen Gedanken aus dem Kopf und hofft im selben Moment, sich nie wieder daran erinnern zu müssen.
Lautes Fauchen, das Gepolter von Metall und berstendem Glas reißen Fenris aus seiner Gedankenwelt. Die Stimmen von Rüden lachen gehässig, sie sprechen so wild durcheinander, dass Fenris zusammen mit dem Lärm nur Satzfragmente verstehen kann.
„Räudiges Katzenvieh!“
„Das wird dich lehren, uns zu bestehlen…“
„Fische es doch aus dem Müll…“
Fenris sieht sich in der Seitenstraße um.
Drei großgewachsene Gestaltenwandler stehen dort in einem Berg Müll. Sie haben sich um eine Tonne herum aufgestellt, in der sich dieser Dreck zuvor befunden haben muss. Irgendetwas Schwarzes werfen sie in den Blecheimer. Kehliges Fauchen ist dabei zu hören. Es poltert und kratzt in der Tonne, besonders als sie noch einen Deckel auf den Müllbehälter legen und diesen mit einem Stein beschweren.
„Mal sehen, ob du da wieder herauskommst!“, sagt einer der drei und lacht, während seine Gefährten gegen die Tonne treten.
Neben dem Fauchen und Kratzen ist dabei immer öfter ein klägliches Miauen zu hören.
Entsorgen die da gerade wirklich eine Katze? Die spinnen wohl! So wenig Fenris auch für ein Leben im Rudel mit Wölfen übrig hat, Katzen mochte er schon immer. Die haben es nicht nötig, sich einzuschleimen, um im Rudel bleiben zu dürfen. Wenn sie sich jemandem nähern, dann weil sie ihn wirklich mögen, oder weil sie hungrig sind. Letzteres war sicher auch der Grund, warum diese Katze etwas gestohlen hat. Sie dafür so grausam zu bestrafen, kann Fenris nicht durchgehen lassen. So hält er auf die drei Idioten zu und spricht sie lautstark an. „Hey! Pfoten weg von meinem Kater!“ Erst während ihm diese Worte über die Lippen kommen, wird Fenris bewusst, was er da sagt. Sein Kater? Er hat kein Haustier! Während er sich noch über sich selbst wundert, drehen sich die drei Kerle nach ihm um.
Im ersten Moment sind ihre Blicke zornig und eindeutig auf Krawall aus, doch als sie ihm in die Augen schauen und die Farbe darin erkennen, ducken sie sich alle drei. Eindeutig Betarüden. Das sind noch schlimmere Speichellecker als Omegas. Die betteln förmlich um die Aufmerksamkeit eines Alphas, ganz gleich, ob es ihr eigener oder ein fremder ist.
„Ein Alpha…“, murmeln sie sich einander zu und entfernen sich alle drei von der Tonne. Das Fauchen darin wird leiser, das Kratzen hört auf.
„Das ist euer Omega?“, will der größte der Drei wissen, der zuvor den Deckel auf die Tonne gelegt hat.
Fenris schaut verwirrt. Was immer da in dem Mülleimer eingesperrt ist, hat sich nicht nach einem Mensch und auch nicht nach einem Mensch in Wolfsgestalt angehört. Was sie da hineingeworfen haben, war außerdem viel zu klein dafür!
„Was redet ihr da für einen Unsinn?“, will er wissen.
„Schon gut! Wir wollen keinen Ärger haben. Du kannst das verlauste Vieh haben“, meint einer der beiden Kleineren und hebt abwehrend die Hände.
„Ja, ist eh nicht mehr viel übrig“, schiebt der Große hinterher, dann ergreifen alle drei die Flucht.
Fenris hebt eine Augenbraue und sieht ihnen irritiert nach. Ob die wohl auf Drogen waren?
‚Nein! Das sind einfach nur feige Waschlappen‘, drängt sich Fenris ein seltsamer Gedanke auf, dann ist wieder Gepolter in dem Mülleimer zu hören.
‚Die Katze‘, kommt Fenris in den Sinn. Eilig macht er die wenigen Schritte bis zum Mülleimer und nimmt den Stein herunter. Achtlos wirft er ihn an die Seite und hebt den Deckel ab.
In den Tiefen des leeren Behälters ist nur schwarze Dunkelheit zu sehen, während ein übler Gestank aufsteigt. Klar, mitten im Sommer hat sich darin sicher ein eigenes Biotop entwickelt. Wahrscheinlich wird er die Katze erst mal baden müssen, doch noch kann er nichts erkennen, bis auf zwei große runde Bernsteine, die ihn aus der Dunkelheit heraus anstarren. Die Augenlider über ihnen sind grimmig verzogen, so als wenn das Tier versucht, ihn böse anzuschauen. Ein kehliges Fauchen gibt er von sich. Kein Wunder, nach dem, was die Kerle mit dem armen Ding angestellt haben. Doch irgendwie muss er die Katze da herausbekommen, um ihr helfen zu können. So greift Fenris in die Tonne und packt das Fellbündel im Nacken. Seltsam schlaff und kraftlos ist der Körper, den er heraushebt. Da ist keine Gegenwehr mehr zu spüren. Dass sich das Fell der Katze nass und klebrig anfühlt, ist auch nicht besonders angenehm.
Als Fenris das Tier aus der Tonne gezogen hat, entpuppt es sich als schwarzer Kater. Sein Fell ist von unterschiedlichen Speiseresten verklebt. Im Gesicht des Tieres ist es besonders schlimm, doch meint Fenris dort auch Blut zu erkennen. Aus Wunden zwischen den Ohren und am Hals tritt es aus. Die drei müssen dem armen Ding echt zugesetzt haben, denn es lässt sich schlaff hängen und rührt sich nicht. Dafür starren ihn die gelben Bernsteinaugen noch immer genauso angriffslustig an wie zuvor. Für einen Moment meint Fenris, sich in ihnen zu verlieren, so tiefgründig und schön sind sie. Dabei hat er immer wieder das Gefühl, als würde das Tier ihn fragen, warum er so blöd schaut.
‚Setze mich ab! Sofort!‘, murmelt es in seinem Kopf, während sich immer mehr das Verlangen in Fenris breit macht, genau das zu tun. Doch schließlich besinnt er sich eines Besseren. Der Kater braucht dringend ein Bad und dann einen Besuch beim Tierarzt, den kann er so nicht einfach wieder laufen lassen. „Keine Sorge, ich spendiere dir ein Bad und eine Schale Milch!“, schlägt Fenris vor, auch wenn er sich sicher ist, dass der Kater ihn ohnehin nicht versteht.
Der finstere Blick des Tieres weicht auf. Die gelben Augen werden immer größer. Wieder meint Fenris darin zu versinken. Ein tiefes Gefühl der Zuneigung schleicht sich in sein Herz, je länger er den Kater betrachtet. „Das wird schon wieder…“, murmelt er abwesend.
Der überraschte Ausdruck verschwindet aus den Augen des Katers, deutliche Anspannung geht in den mageren Körper. Schneller als Fenris’ Blick ihm folgen kann, schlägt ihm das Tier seine Pfote samt Krallen in den Handrücken. Ein stechender Schmerz fährt in Fenris’ Haut und lässt ihn reflexartig seine Finger öffnen. Der Kater fällt zu Boden und landet elegant auf seinen wunden Pfoten.
‚Trottel‘, glaubt Fenris den Kater sagen zu hören, doch nicht mit Worten, es ist mehr ein Rauschen in seinem Kopf.
Ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen, rennt der schwarze Kater los. Obwohl er zuvor halb tot aussah, scheint nun genug Leben in ihm zu stecken, um an einer Hauswand hinaufzuspringen, über einen Balkon zu balancieren, von dort auf ein Garagendach zu springen und dann in einem Vorgarten zu verschwinden.
Ein nagendes, leeres Gefühl bleibt in Fenris zurück. Verflucht, das kennt er, das hatte er immer, wenn er sich nach einer vorläufigen Prägung von dem Omega ferngehalten hat. „Nein… nein.. nein, nein, nein…“, flucht Fenris immer energischer. Er hebt seine Hand, an der der Kater ihn das erste Mal von sich aus berührt hat. Unter dem Kratzer beginnen sich erst schwach, dann immer deutlicher die Umrisse eines Katers zu bilden. Er ähnelt einer Comicfigur. Die Pfote liegt an seiner rechten Wange. Eine Kralle zieht das Lid des Auges herunter, während ihm die Zunge entgegengestreckt wird. „Was zur Hölle!“, knurrt Fenris in sich hinein. Wie kann das sein? Jeder Gestaltenwandler, den er kennt, hat sich bisher nur in einen Wolf verwandeln können. Auch er ist lediglich zu dieser Form der Metamorphose fähig. Dieser Kater kann kein Mensch sein!
‚Eine Katze baden, was für ein Idiot!‘, kann Fenris diese fremde Stimme schon wieder in seinem Kopf hören, doch erst jetzt kann er sie eindeutig von seinen eigenen Gedanken trennen. Aufgebracht greift er sich in die Haare. „Geh raus aus meinem Kopf!“, murrt er in sich hinein. Großartig! 24 Stunden mit den Gedanken eines verlausten Straßenkaters verbringen, der noch dazu übelste Kopfschmerzen und Hunger hat. Wie Fenris sein Leben als Alpha doch hasst.